Warum führt mehr Analyse nicht zu besseren Strategieentscheidungen?
Die kurze Antwort
Mehr Analyse verbessert Strategieentscheidungen kaum, weil der Engpass vor der Analyse liegt — im Verfahren, mit dem eine Führungsrunde zu ihrer Entscheidung kommt. Eine Untersuchung von 1.048 Geschäftsentscheidungen führt rund 39 Prozent der Ergebnisunterschiede auf dieses Verfahren zurück und nur rund 8 Prozent auf die Analyse. Wer das Verfahren nicht ändert, kauft mit mehr Analyse vor allem mehr Begründung.
Der Reflex nach einer schwierigen Entscheidung zeigt in die falsche Richtung
Sie kennen den Ablauf: ein guter Workshop, eine saubere Strategie, alle im Raum einverstanden. Ein halbes Jahr später schauen Sie hin, und es hat sich nichts bewegt. Ich habe das als Geschäftsführer erlebt und später aus der Beraterperspektive noch einmal — und beide Male war der erste Reflex derselbe: Wir brauchen bessere Zahlen.
Über 1.048 große Geschäftsentscheidungen hinweg erklärte das Entscheidungsverfahren rund 39 Prozent der Unterschiede im Ergebnis. Die Analysequalität erklärte rund 8 Prozent (McKinsey Quarterly, 2010). Die Untersuchung stammt aus einem Beratungshaus und beruht auf Selbstauskunft — die Richtung deckt sich aber mit unabhängiger Forschung, und die ist eindeutig.
Für mich ist damit klar: Das Strategieproblem im Mittelstand ist kein Ideenproblem. Es ist ein Verfahrensproblem. Und ein Verfahren repariert man nicht mit einer weiteren Auswertung.
Vier von fünf Entscheidungen fallen gegen genau eine Option
Paul C. Nutt hat 356 Entscheidungen in mittleren und großen Organisationen rekonstruiert. In weniger als 20 Prozent der Fälle lag mehr als eine Option auf dem Tisch. Wo es mehrere waren, stieg die Erfolgsquote von 56 auf 70 Prozent (Academy of Management Executive, 1999).
Der zweite Befund aus derselben Untersuchung ist der interessantere. Wurde eine fertige Lösung präsentiert und durchgesetzt, kamen 42 Prozent der Entscheidungen vollständig in die Umsetzung. Wurde vorher ein gemeinsames Problemverständnis hergestellt, waren es 92 Prozent.
Bei einer Vorlage mit nur einer Option entscheidet Ihre Runde trotzdem zwischen zwei Möglichkeiten — die zweite heißt „weitermachen wie bisher“ und steht auf keinem Blatt. Sie hat dabei einen Startvorteil: Allein das Etikett „das Bestehende“ verschob die Wahl in den Experimenten von Samuelson und Zeckhauser um rund 17 Prozentpunkte (Journal of Risk and Uncertainty, 1988).
In der Sitzung erscheint das nie als Wahl. Niemand beantragt, nichts zu tun. Die zweite Möglichkeit gewinnt lautlos, weil sie nirgends aufgeschrieben ist und deshalb auch niemand gegen sie argumentieren muss.
Eine Vorlage mit genau einer Option verlangt deshalb keine Entscheidung. Sie verlangt eine Unterschrift.
Die ranghöchste Stimme kostet Ihr Team die halbe Entscheidungsqualität
Führungskräfte mit formaler Macht redeten in drei Laborexperimenten 32,7 Prozent der Zeit statt 18,7 Prozent. Ihre Teams trafen in einem der Aufbauten in 25 Prozent der Fälle die richtige Entscheidung — unter neutraler Leitung waren es 75 Prozent (Academy of Management Journal, 2013).
Das Spannende ist die Abgrenzung, die Tost, Gino und Larrick zusätzlich geprüft haben: Der Effekt trat nur bei formaler Autorität auf. Mächtige Teilnehmende ohne Leitungsrolle lösten ihn nicht aus. Es geht also nicht um Persönlichkeit. Es geht um den Stuhl, auf dem jemand sitzt.
Genau da liegt der Knackpunkt — und die Lösung kostet nichts. In einem dritten Experiment verschwand der Effekt vollständig, sobald die Führungskraft vor der Diskussion daran erinnert wurde, dass sie ihr Team für den Erfolg braucht. Übersetzt für Ihre nächste Strategierunde: Sie sagen zu Beginn, wofür Sie die Runde brauchen. Und Sie sprechen zuletzt.
Der gemeinsame Workshop kostet Sie die Hälfte der Ideen
Vier Personen, die getrennt arbeiten und deren Ergebnisse man anschließend zusammenlegt, brachten bei Diehl und Stroebe 106 Ideen. Eine echte Vierergruppe kam auf 55,67 — also rund die Hälfte (Journal of Personality and Social Psychology, 1987). Eine spätere Meta-Analyse bestätigt den Verlust bei Menge und Qualität, und er wächst mit der Gruppengröße (Basic and Applied Social Psychology, 1991).
Die Ursache ist nicht die, die Führungskräfte vermuten. Bewertungsangst und Trittbrettfahren erklärten fast nichts. Der Verlust entsteht fast vollständig dadurch, dass in einer Gruppe immer nur einer reden kann: Wer wartet, vergisst seinen Gedanken. Wer zuhört, wird auf die laufende Spur gezogen.
Dazu kommt, was in der Runde überhaupt zur Sprache kommt. Geteiltes Wissen wird deutlich häufiger genannt als einzigartiges — Gruppen, bei denen die Lösung nur durch Zusammenlegen einzigartiger Informationen erkennbar war, fanden sie achtmal seltener (Personality and Social Psychology Review, 2012). Das beschreibt exakt eine Runde, in der Vertrieb, Produktion und Finanzen zusammensitzen.
Der übliche Gegenzug funktioniert übrigens nicht. Ein bestellter Advocatus Diaboli erzeugte bei Nemeth, Brown und Rogers keinen messbaren Vorteil gegenüber einer Runde ganz ohne Widerspruch; nur echter Widerspruch wirkte (European Journal of Social Psychology, 2001). Widerspruch braucht außerdem seinen Zeitpunkt: Wer seine Position schon festgelegt hat, sucht deutlich stärker nach Bestätigung (Psychological Bulletin, 2009).
Für Geschäftsführungen, die mit Beratern arbeiten, liegt hier ein unterschätzter Wert. Eine Beraterin, die eine eigene, fachlich begründete Gegenposition vertritt, liefert genau den echten Widerspruch, den eine interne Runde aus Loyalität selten produziert.
Eine Festlegung, die niemand festhält, ist nach zwei Quartalen weg
Alle Gegenmittel aus dieser Forschung haben eines gemeinsam: Sie sind Festlegungen, die im Moment der Entscheidung getroffen werden. Die Alternativen liegen vor der Diskussion auf dem Tisch. Die Kriterien stehen vor der ersten Zahl. Die Abbruchbedingung wird beim Beschluss formuliert, nicht bei der Auswertung.
Und genau hier verliert die Praxis das Ganze wieder. Wenn Optionen, Kriterien und Abbruchbedingungen nur im Protokoll einer Sitzung stehen, ist zwölf Monate später weder rekonstruierbar, wogegen entschieden wurde, noch woran ein Scheitern erkennbar gewesen wäre.
Jennifer Lerner und Philip Tetlock zeigen, warum das teuer wird: Rechenschaft verbessert Urteile nur, wenn sie vor der Meinungsbildung besteht (Psychological Bulletin, 1999). Kommt sie erst nach der Festlegung, ist die verlässliche Reaktion defensive Rechtfertigung. Ein Gremium ohne die eigenen früheren Kriterien führt kein Review durch, sondern eine Rechtfertigungsrunde.
Das ist keine Frage von Disziplin oder gutem Willen. Wer im Review nachlesen kann, welcher Wertbeitrag beim Beschluss erwartet wurde und ab welchem Punkt die Maßnahme als gescheitert gelten sollte, führt ein kurzes Gespräch über Zahlen. Wer das nicht nachlesen kann, führt ein langes über Absichten — und Absichten lassen sich immer so erzählen, dass sie zum erreichten Stand passen. Ein Abbruchkriterium, das erst formuliert wird, wenn die Zahlen schon auf dem Tisch liegen, ist kein Kriterium mehr. Es ist eine Beschreibung dessen, was ohnehin passiert ist. Der Unterschied entsteht deshalb nicht im Review. Er entsteht zwölf Monate davor, in einem Satz, den beim Beschluss niemand für wichtig hält.
Der Unterschied zwischen einem Vorsatz und einer Festlegung ist dabei messbar. Eine Absicht allein verändert Verhalten nur schwach. Dieselbe Absicht mit Zeitpunkt, Ort und Verantwortlichem festgeschrieben, wirkt deutlich stärker (Psychological Bulletin, 2006; Advances in Experimental Social Psychology, 2006). Beide Befunde stammen aus der Forschung zu persönlichen Zielen — die Übertragung auf Gremien ist eine Analogie, kein Beleg. Der Mechanismus ist derselbe: „Wir legen die Kriterien künftig vor den Zahlen fest“ ist ein Vorsatz. „Kriterium, Schwellenwert und Abbruchbedingung stehen in der Vorlage, bevor die Zahlen kommen“ ist eine Festlegung.
BizzPlAI ist als Strategy Execution System für genau diesen Moment gebaut: Es friert die Kriterien ein, bevor die Auswertung beginnt. Ziel, erwarteter Wertbeitrag und Abbruchbedingung entstehen beim Beschluss und bleiben von da an auffindbar — sie lassen sich später nicht um das Ergebnis herum neu formulieren, das man inzwischen gern hätte.
Nehmen Sie Ihre letzten drei Beschlussvorlagen. Zählen Sie, wie viele mehr als eine ernsthaft ausgearbeitete Option enthielten, in wie vielen die Kriterien vor den Zahlen standen und in wie vielen ein Abbruchkriterium steht. Wo diese drei Angaben fehlen, ist Ihre nächste Entscheidung nicht besser vorbereitet als die letzte — ganz gleich, wie viel Analyse dazwischen lag.
Häufige Rückfragen
Was unterscheidet echten Widerspruch von einem bestellten Advocatus Diaboli?
Echter Widerspruch kommt von jemandem, der die Gegenposition wirklich vertritt. Der bestellte Advocatus Diaboli trägt eine Rolle vor, und alle im Raum wissen das. Bei Nemeth, Brown und Rogers erzeugte nur die echte Minderheitsposition mehr und bessere Lösungen. Die Rollenbedingung war von einer Runde ohne jeden Widerspruch nicht zu unterscheiden.
Lässt sich der Einfluss von Denkfehlern auf Entscheidungen trainieren?
Ein einmaliges Training senkte messbare Verzerrungen bei Morewedge und Kollegen deutlich, und der Effekt hielt zwei Monate später noch an. Gemessen wurden allerdings Testaufgaben, keine echten Geschäftsentscheidungen. Training ersetzt kein verändertes Verfahren — es macht den Beteiligten nur leichter verständlich, warum das Verfahren nötig ist.
Woran erkennt eine Geschäftsführung, dass ihr Entscheidungsverfahren schwach ist?
An drei Merkmalen jeder Beschlussvorlage: Sie enthält genau eine Option, die Bewertungskriterien entstehen erst nach den Zahlen, und ein Abbruchkriterium steht nirgends. Diese drei Punkte lassen sich prüfen, ohne die Entscheidung selbst zu bewerten — und ohne dass jemand sein Gesicht verliert.
Quellen
- The case for behavioral strategyMcKinsey Quarterly (Dan Lovallo, Olivier Sibony), 2010
- Surprising but true: Half the decisions in organizations failAcademy of Management Executive (Paul C. Nutt), 1999
- Status Quo Bias in Decision MakingJournal of Risk and Uncertainty (William Samuelson, Richard Zeckhauser), 1988
- When Power Makes Others Speechless: The Negative Impact of Leader Power on Team PerformanceAcademy of Management Journal (Leigh Plunkett Tost, Francesca Gino, Richard P. Larrick), 2013
- Productivity Loss in Brainstorming Groups: Toward the Solution of a RiddleJournal of Personality and Social Psychology (Michael Diehl, Wolfgang Stroebe), 1987
- Productivity Loss in Brainstorming Groups: A Meta-Analytic IntegrationBasic and Applied Social Psychology (Brian Mullen, Craig Johnson, Eduardo Salas), 1991
- Twenty-Five Years of Hidden Profiles in Group Decision Making: A Meta-AnalysisPersonality and Social Psychology Review (Li Lu, Y. Connie Yuan, Poppy Lauretta McLeod), 2012
- Devil's advocate versus authentic dissent: stimulating quantity and qualityEuropean Journal of Social Psychology (Charlan Nemeth, Keith Brown, John Rogers), 2001
- Feeling Validated Versus Being Correct: A Meta-Analysis of Selective Exposure to InformationPsychological Bulletin (William Hart et al.), 2009
- Accounting for the effects of accountabilityPsychological Bulletin (Jennifer S. Lerner, Philip E. Tetlock), 1999
- Does changing behavioral intentions engender behavior change? A meta-analysis of the experimental evidencePsychological Bulletin (Thomas L. Webb, Paschal Sheeran), 2006
- Implementation Intentions and Goal Achievement: A Meta-Analysis of Effects and ProcessesAdvances in Experimental Social Psychology (Peter M. Gollwitzer, Paschal Sheeran), 2006
- Debiasing Decisions: Improved Decision Making With a Single Training InterventionPolicy Insights from the Behavioral and Brain Sciences (Carey Morewedge et al.), 2015
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